
PROFIL - ONLINEAUSGABE
03.07.01
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Wo geht's hier zur Party?
Pop. Gleich zwei laute Paraden wird Wien am kommenden Samstag
erleben. Doch die ideologischen Ausrichtungen könnten nicht unterschiedlicher
sein. Zeit für eine Grundsatzfrage: Wie viel Politik verträgt die
Jugendkultur?
Von Sven Gächter
Es gab viele Republiken in der Geschichte der Menschheit. Die römische.
Die Weimarer. Die Dominikanische. Sogar die freie virtuelle Republik Tir Na
nÒg gibt es. Und nicht zu vergessen natürlich die Zweite. Nur,
was hat man sich unter der "Liebesrepublik" vorzustellen? Einen
geschützten Hort sündhafter Ausschweifungen, ein utopisches Nirwana
frommer Mitmenschlichkeit? Oder vielleicht doch nur eine feuchtfröhliche
Freiluftparty, auf der hunderttausende sich einen Tag lang der Illusion hingeben,
die beste aller möglichen Welten sei eine ohne Macht, Politik und Ungerechtigkeit?
"Join the Love Republic" heißt das Motto der Love Parade,
die am kommenden Samstag zum zweiten Mal über Wien hereinbrechen wird
- wenn auch nicht ganz so flächendeckend wie anderswo: 1,5 Millionen
Besucher zieht die Mutterveranstaltung in Berlin mittlerweile an. Die Wiener
Tochter brachte es voriges Jahr immerhin auf rund 150.000. Eines allerdings
hat sie dem Original voraus: Sie wird von den Behörden immer noch als
politische Demonstration anerkannt. Dabei sind ihre Ziele ungefähr so
politisch wie ein päpstlicher Urbi-et-Orbi-Segen: "Liebe, Toleranz,
Respekt und Völkerverständigung."
Am selben Tag, zur selben Zeit wird sich eine zweite Parade durch die Wiener
City wälzen. "Free Republic" nennt sie sich und bezieht explizit
Position gegen "Rassismus, Sexismus und Sozialabbau", gegen "den
Ausverkauf und die Kriminalisierung der Jugendkultur", gegen den Paragrafen
209, gegen "Sperrstunden und Vergnügungssteuer" etc. Veranstaltet
wird Free Republic von www.volkstanz.net, einem Kollektiv von Aktivisten,
die sich voriges Jahr unter dem Schock der schwarz-blauen Wende formierten
und mit den Mitteln der DJ-Kultur zum Widerstand gegen die Bundesregierung
aufriefen. Die Volkstanz-Happenings waren das gleichsam partykulturelle Pendant
zu den eher konventionellen Donnerstagsdemos, und die Creme der Wiener DJ-Szene
fand sich jeden Samstag kostenlos ein, um dem Widerstand zu einem dröhnenden
Soundtrack zu verhelfen: "Electronic Resistance", wie es der Titel
einer CD-Compilation programmatisch auf den Punkt brachte.
Allerweltsideale
"Wir sind eine Demonstration, die für und nicht gegen etwas ist",
stellt Gregor Hushovitz, Organisator der Love Parade in Wien, klar. "Es
ist nicht Aufgabe der Love Parade zu sagen: Wir sind gegen diese Regierung!"
Vielleicht stimmt das sogar, nur stellt sich dann die Frage, warum die Love
Parade so nachdrücklich auf ihren politischen Impact pocht. Liebe, Toleranz,
Respekt und Völkerverständigung sind Allerweltsideale, mit denen
sich auch die österreichische Bundesregierung ohne Not identifizieren
könnte, der anlässlich der Massendemo am 19.2.2000 in Wien nicht
viel mehr einfiel als die wohlfeile Verhöhnung "einiger Alt-68er
und Internet-Freaks" - eine Abkanzelung, die gerade im Bewusstsein der
Rave-Community nicht so rasch verjähren dürfte.
Anstatt ihr politisches Selbstverständnis zu verfeinern, ist die Love
Parade seit ihrer historischen Geburtsstunde 1989 in Berlin zu einer Ekstase
der Harmlosigkeit denaturiert - einer Party, die nichts anderes fordert, als
hier und heute steigen zu dürfen. Deshalb wurde sie in Berlin heuer erstmals
nicht mehr als politische Demonstration anerkannt. Bei einer Versammlung müssten
die Demonstrationsteilnehmer mit dem gemeinsamen Ziel zusammenkommen, eine
bestimmte Meinung zu äußern, befand das Berliner Verwaltungsgericht.
Dieses gemeinsame Ziel sei bei der Love Parade nicht erkennbar, der Techno-Umzug
auch aus Sicht der meisten Teilnehmer eine reine Spaßveranstaltung.
Das hat zwar keine politischen, aber sonst handfeste Auswirkungen für
die Love Parade: Die Kosten für die Müllentsorgung - mehrere hunderttausend
Mark - müssen nun von den Veranstaltern selbst übernommen werden.
Der Vorwurf, die Love Parade betreibe unter dem Deckmantel, die Jugendkultur
zu feiern, letztlich nichts anderes als deren Ausverkauf, ist weder neu noch
besonders originell. Pop ist per Definition ein Massenphänomen, und wo
sich Massen ballen, bleibt die Industrie nicht lange fern. Mittlerweile agiert
sie auch smart genug, die kommerziellen Fesseln nicht so eng zu schnüren,
dass den "Party-Partnern" kein Bewegungsspielraum mehr bleibt. Und
vielleicht überlegen die sich vor oder nach dem Happening auch, ob sie
aus dem System mehr herausholen können als Geld.
Wenn die Love Parade, hartnäckigen Gerüchten zum Trotz, tatsächlich
keinen Börsegang plant und stattdessen ihren Anspruch, eine politische
Demonstration zu sein, wieder glaubhaft geltend machen möchte, müssen
ihre Veranstalter kreativere Strategien aushecken, als jedes Jahr irgendwo
auf dem Globus eine neue Filiale zu eröffnen (nach Berlin, Wien, Newcastle,
Tel Aviv und Kapstadt nun auch Moskau), und gehaltvollere Ziele formulieren
als die alljährliche Minimalvariation des Leitmotivs love, peace &
happiness.
Wo sitzt der Außenfeind?
In den höchsten politischen Etagen stiftete die Paradenkultur in Frankreich
kürzlich Unruhe. Der sozialistische Innenminister Daniel Vaillant wollte
ein Gesetz durchpeitschen, wonach den Veranstaltern polizeilich unerwünschter
Raves und Free Partys strenge Geld- und sogar Gefängnisstrafen geblüht
hätten. Das Gesetz passierte die Nationalversammlung nicht: Auch Raver
sind schließlich Wähler, und Politiker tun gut daran, es sich nicht
sinnlos mit ihnen zu verscherzen.
Das Ende der politischen Schonfrist braucht die Wiener Love Parade jedenfalls
vorerst nicht zu fürchten, denn von den Idealen Liebe, Toleranz etc.
sei man ja wohl noch weit entfernt auf dieser Erde, erklärt die Wiener
Vizebürgermeisterin Grete Laska (SPÖ), die sich immer wieder gern
als Fürsprecherin der Jugendkultur positioniert. Dass Wien am 7. Juli
gleich von zwei Paraden mit erhöhten Dezibelwerten bespielt wird, hält
Laska allerdings für wenig sachdienlich. "Ich würde mir sehr
wünschen, dass diese beiden Gruppen erkennen, wo der wirkliche Außenfeind
sitzt, sich zusammentun, ihre Themen noch deutlicher unterstreichen und das
Ganze zu einem Ding werden lassen." Mit Außenfeind meint Laska
"ganz konkret die Bundesregierung", der die Paradendublette einen
willkommenen Vorwand bieten könnte, den Eindruck zu schüren, die
heimische Jugendkultur sei gespalten.
Vielleicht ist sie es ja tatsächlich. Warum sollten die Bruchlinien,
die die österreichische Gesellschaft durchziehen, sich nicht bis tief
in die Jugendkultur hinein fortsetzen? Der Wiener Paradenclinch steckt sehr
anschaulich die Pole einer zeitgenössischen Pop-Skala ab: am einen Ende
das zweckfreie Party-Ideal, das sich nicht unnötig mit tagespolitischem
Ballast beschweren will; am andern Ende der gute alte Rebellionsgestus, der
sich nur mit den Spielformen der modernen Clubkultur neu munitioniert. Und
dazwischen der landläufige Opportunismus, der bekanntlich vor keiner
Altersschicht Halt macht.
Love-Parade-Organisator Gregor Hushovitz findet es zwar "ganz toll, dass
sich Volkstanz ins Love-Parade-Weekend integriert und damit in gewissem Sinn
auch unsere Ziele vertritt", doch diese Umarmung lässt man sich
auf der andern Seite nicht so ohne weiteres gefallen. "Wir sind keine
Gegenveranstaltung, sondern die eigentliche Veranstaltung", erklärt
Konrad Becker, Chef der Medienplattform public netbase und Volkstanz-Aktivist
der ersten Stunde, selbstbewusst. Becker war 1994 Mitinitiator der Vorläuferveranstaltung
der Wiener Love Parade: Die "Free Party" startete 1994 mit explizit
jugendkulturellen Anliegen. Damals ging es um die Beseitigung der schikanösen
Routinen, mit denen die Wiener Stadtbehörden die aufblühende Rave-Szene
lahm zu legen versuchten. Wie die ersten Love Parades in Berlin war auch die
Free Party in Wien zunächst ein alternatives Happening; rasch jedoch
wurde sie von den kommerziellen Begleiterscheinungen eingeholt, die bislang
noch fast jedes halbwegs breitentaugliche Pop-Phänomen imprägniert
haben. Dass die Free Party im Vorjahr schließlich endgültig in
der Trademark Love Parade aufging, erschien nur folgerichtig: ein lokaler
Reflex der Globalisierung.
Dezibel-Duell
Mit Free Republic knüpfen die Volkstanz-Aktivisten wieder an die Anfänge
der Free Party an, nicht ohne den Forderungskatalog auszuweiten und auf das
politische Klima in Österreich a
bzustimmen. 43 Fahrzeuge sind angemeldet, vom Sattelschlepper
bis zum Cabrio; insgesamt 60 Initiativen werden mit ihren Soundsystemen den
Wiener Ring bedröhnen, in Hörweite sozusagen von den 36 Trucks,
die zwischen Praterstern und UNO-City zirkulieren werden. "Ich würde
nicht darauf wetten, dass die Love Parade mehr Besucher haben wird als wir",
sagt Konrad Becker und rechnet jetzt schon mit der größten Antiregierungskundgebung
in diesem Jahr. Gregor Hushovitz von der Love Parade wiederum schließt
einen freien "Publikumsflow" zwischen den beiden Partys nicht aus.
"Jeder soll machen, was er will." Und jeder ist für seine politischen
Überzeugungen selbst verantwortlich.
Auch Innsbruck erlebte vergangenen Samstag die erste "Street Parade/Demonstration".
Ihre Motivation begründeten die Veranstalter damit, die Stadt an "internationale
urbane Trends" heranführen und "die ideelle Bandbreite und
den kreativen Background der Innsbrucker Szene" beleuchten zu wollen.
Politisches Verbalgeschütz wurde erst gar nicht aufgefahren, nicht einmal
in der Love-Parade-kompatiblen Light-Version von "Friede, Freude, Eierkuchen".
Bald wird jede mittlere europäische Großstadt ihre eigene "urbane"
Parade haben, und sie wird sich immer weniger von den Pfadfinder- und Blasmusikaufmärschen
unterscheiden, mit welchen die Jugend in früheren Zeiten den Alten fröhlich
signalisierte, dass sie keinen Grund hatten, sich Sorgen zu machen.

"Wir
hoffen, dass sich am 7. Juli alle Plattenteller gegen die Wende drehen mögen."
Yoyo Tischler, Pressesprecher von volkstanz.net, im Gespräch..
Am kommenden Samstag wird in Wien die Parade am Ring stattfinden. Zu der
aus Berlin importierten Loveparade gesellt sich damit heuer ein zweiter Umzug
mit Musikbeschallung: die "Free Re:Public". Wer ist das? Was ist
das?
Free Re:Public ist die punktförmige Vereinigung von einigen politischen
Gruppen, Club-VeranstalterInnen und Initiativen, die bereits in der Vergangenheit
sowohl das eine als auch das andere waren, wie z.B. www.volkstanz.net. FRP
steht in der Tradition der Free-Party, wie sie bereits 1994 mit sehr großem
Zulauf in Wien gefeiert wurde. Die FRP-Parade ist selbst für die verschiedenen
Beteiligten nicht dasselbe, sie ist aber für alle ein Zeichen gegen die
Wende, wie sie Österreich seit Februar 2000 erlebt. Sie ist der Offbeat*
zum Marschrhythmus der Regierung. Sie ist auch die Selbstdarstellung einer
Szene und zugleich deren Absage an die Verkommerzialisierung derselben: There's
no such business as show business! Sie ist keine reine DJ-Veranstaltung.
Wie haben sich denn die AkteurInnen von "Free Re:Public" zusammengefunden?
Ist das eine festes Gruppengefüge, oder können interessierte Leute
von außen dazu stoßen? Was ist eigentlich euer Anliegen?
Die Beteiligten sind vor allem AkteurInnen der Wiener Clubszene. "Clubszene"
ist zwar ein unscharfer Begriff, der zudem fälschlich glauben macht,
es handelte sich hierbei um eine konsistente Gruppe von Menschen, die alle
an einem Strang zögen. Trotzdem ist es eine verständliche Kategorie:
Menschen, die sich bei aller Unterschiedlichkeit der Lebenssituationen irgendwie
auf beats&sounds als kleinsten gemeinsamen Nenner geeinigt haben. Clubpeople
sind nicht Menschen in einem Club, sondern Menschen, die so selbstverständlich
im Club sind wie in der Arbeit, die vielleicht auch im Club ist ... Und die
mit der selben Selbstverständlichkeit eben auch auf der Straße
sind: gegen eine rechte Regierung, den Paragraph 209 usw.usf.. Volkstanz hat
dieses Phänomen als Soundpolitisierung bezeichnet.
Habt ihr denn irgendwelche Forderungen, und an wen richten die sich?
Die Forderungen gehen von allgemein politischen, wie der nach der Abschaffung
der Schubhaft, bis hin zu Forderungen, die unmittelbar mit dem Clubleben zu
tun haben wie die Vergnügungssteuer. Die AdressatInnen dieser Forderungen
sind eigentlich stets die politischen Verantwortlichen. Die Aufforderung,
dass sich am 7. Juli alle Plattenteller gegen die Wende drehen mögen,
ist eine an die gesamte Gesellschaft und eine an die "Szene" selbst:
Keep your shit correct!
Ich habe mal vor einiger Zeit eine Loveparade in Berlin miterlebt, und
die war zwar sehr hetzig, aber auch sehr unpolitisch. Ich hatte den Eindruck,
es geht lediglich um geiles Outfit. Wie haltet ihr es mit politischem Engagement?
Die Forderung nach der demokratischen Kontrolle der internationalen Finanzmärkte
würde sicherlich nicht von den VeranstalterInnen der Loveparade GMBH
erhoben! Wir hoffen auf viel "geiles Outfit" am 7. Juli und auf
einen gelungenen Studiengebührenboykott im Herbst! Über 250 DJs
haben in den vergangenen 14 Monaten unentgeltlich im Rahmen von volkstanz.net-Veranstaltungen
aufgelegt. Das war immer "hetzig", aber nicht "unpolitisch".
Welche Musik macht ihr mit euren Soundmaschinen? Wieder nur solche Machogrölerei?
Gibt es eigentlich Frauen, die sich bei euch engagieren? Gibt es zum Beispiel
weibliche Djs?
Die Parade wird vom Truck von female pressure angeführt. Das ist ein
Zusammenschluss weiblicher DJs, welcher deren Empowerment zum Ziel hat. Das
ist nicht repräsentativ für die Szene, es ist aber im doppelten
Sinne richtungsweisend.
Am Samstag soll also mit 40 "Kraftfahrzeugen" die größte
regierungsfeindliche Demonstration seit dem 19.2.2000 stattfinden - ist das
ein Zeichen für die Politisierung der "Clubszene"?
Das kann ich uneingeschränkt bejahen. Die verschiedenen TeilnehmerInnen
an der Parade mögen nicht alle gleichermaßen in herkömmlichen
politischen Feldern aktiv sein. Sie aber für die Parade an einen Tisch
zu bringen, war kein Problem. Sie sind allesamt politisch aktivierbar. Wie
auch am 19.2.2000 wird es nicht zu einer Manifestation von zig-Tausend geschulten
RegimekritikerInnen kommen. Die Organisation und die Beiträge (sowohl
in der Vorbereitung als auch mit den Soundsystemen) stehen aber bereits auf
einem wesentlich breiterenpolitischen Fundament als die Demo damals.
Seht ihr euch in internationaler Vernetzung mit anderen Widerstandsprojekten?
Reclaim The Streets ist eine Bewegung, die für volkstanz.net internationaler
Bezug ist. Female Pressure agiert sowieso international. Die Noborder-Tour
nimmt an der Parade teil. Insofern gibt es internationale Vernetzungen. Die
Parade selbst ist nicht Teil eines internationalen Projektes.
Danke für das Interview.
Interview: Bärbel Danneberg
Infos: www.volkstanz.net
* Alle Abweichungen von der regelmäßigen Schlagzeit (Beat); gegen
den rhythmischen Grundschlag gesetzte freie Betonung (engl., eigtl. "außerhalb
des Schlages, weg vom Schlag").

malmoe
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WIENER ZEITUNG 04.07.01
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