Out in the streets
"Das Land ist zu schade, um die Auseinandersetzung auf der Straße zu suchen." Der Herr Bundeskanzler von Haiders Gnaden ist unzufrieden mit seinen Untertanen. Bewegen sie sich doch nun schon seit fast einem Jahr auf den Straßen dieses Landes nicht nur aus den üblichen massenmobilen Motiven bzw. zum Zwecke des Konsums, sondern - für Österreich durchaus ungewöhnlich - auch um ihren Protest kundzutun - vorwiegend gegen das blauschwarze Regime von Schüssel, Riess-Passer und Kollegen. Und das obwohl eigentlich nach Meinung Schüssels die Widerstands-Party am 19.2. hätte vorbei sein müssen. Damals tobte sich, so der Kanzler im Interview tags zuvor, noch einmal eine Koalition aus Altlinken und der Internetgeneration aus, um dann, wie von der Regierung gewünscht, dem schwarzblauen Treiben seinen Lauf zu lassen. So weit die Wunschvorstellung von FPÖVP. Daß es wohl ganz anders gekommen sein mußte, belegten entsprechende Wortmeldungen aus den Regierungsparteien in den vergangenen Tagen: Da sahen Riess-Passer, Westenthaler, Khol & Co. nur mehr unselige Koalitionen aus Gewerkschaftern, Linkslinken, LehrerInnen, Grünen, Chaoten, SozialdemokratInnen etc. am Werk, die doch die Frechheit besaßen, ihre Anliegen öffentlich zu machen, auf eben jenen Straßen, auf denen Auseinandersetzungen laut Schüssel nichts zu suchen haben. "Epressung" nennt man so etwas im Jargon der Regierungskoalition, womit das öffentliche Eintreten für seine jeweiligen Rechte und Interessen kurzerhand als strafbarer Tatbestand punziert wäre. Angesichts der sich in den vergangenen Monaten bildenden beeindruckenden Koalitionen aus politischen Gruppierungen, Interessengruppen und immer breiteren Schichten der Bevölkerung, die ihre Anliegen zunehmend selbstbewußt vertreten, ist die Nervosität von Schüssel und Co. nicht nur verständlich, sondern höchst angebracht, denn die Normalität, die FPÖVP so gerne für Österreich beschwören, bedeutet mittlerweile: Dank der Widerstandsbewegung ist sich dieses Land, bzw. ein großer Teil seiner Bevölkerung, wie in jedem anderen politisch zivilisierten Land auch, gut genug, um die Auseinandersetzung auch auf der Straße zu suchen.
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