Mars does not attack!
Stefan Broniowski
Hallo, ich bin vom Mars! Anders ist es nämlich gar nicht zu erklären, daß einfach nicht in meinen Kopf hineinwill, was, wie es scheint, Millionen Menschen in diesem Land mühelos verstehen. Ich muß ein Außeridischer sein, denn wäre ich ein Mensch -- und nur Ösis sind in Ösiland richtige Menschen begriffsstutzig herumrätseln, was das denn sei: die Sanktionen. Jedes ösiländische Schulkind weiß, daß die bösen EU-14 sich gegen das kleine, liebe Land, das dem Erdteil in Mitten liegt, verschworen haben. Bloß, weil “wir” die Regierung haben, die “wir” wollen. Als Marsianer kann ich nun gar nichts besonderes daran finden, daß man dem Rassismus, vor allem wenn er sich demokratisch gibt und in der Regierung sitzt, die Selbstverständlichkeit, die Normalität verweigert. Für Ösis aber ist wohl Rassismus selbstverständlich und normal, also sind nicht die, die diese Regierung ermöglicht und verwirklicht haben im Unrecht, sondern die, die “draußen” und “drinnen” gegen Blauschwarz zum Widerstand oder doch immerhin zur Mißachtung aufrufen. Versteh’s wer wolle. Gleich als es mit den Sanktionen losging, warnten manche, das nutze nur der Regierung. Ein Argument hätte das ja nur sein können, wenn man davon überzeugt war, daß Österreichs Medien entsprechen, nämlich regierungstreu und auslandsfeindlich, mitmarschieren würden. An dieser Überzeugung, ich gesteh’s, gebrach es mir damals ich bin halt vom Mars. Es war aber auch wirklich schwer zu glauben, daß tatsächlich erwachsene Menschen nicht bloß den quasiamtlichen Unsinn nachplappern würden, sondern das auch noch Tag und Nacht. Ein ganzes Land wird wochenlang medial in Atem gehalten von der epochalen Frage: Wird wieder händegeschüttelt oder nicht? Dabei gibt jeder und jede, wenn man nur fragt, gerne zu, daß hinter dem Rücken der mit Lächerlichem beschäftigten Öffentlichkeit sich einiges tut, daß das Projekt “Neoliberaler Umbau”, wenn man’s denn so nennen will (wir Marsianer sagen weiterhin bloß Kapitalismus), in vollem Gange ist. Trotzdem würde Blauschwarz von jeder Rücknahme oder Abschwächung der “Sanktionen” profitieren. Da ösiländischen Außenpolitik derzeit heißt: Unsere Benito lächelt die Welt in die Knie, gälte es als Triumph des diplomatischen Zähnefletschens und Weichquatschens, wenn endlich! endlich! endlich! die bösen Sanktionen aufgehoben würden. Daß Europas PolitikerInnen sich nicht länger bei Mittag- und Abendessen herrisch winselblöde Ösis anhören wollen, die drohend um ein Sanktionierungsende betteln, ist nur verständlich. (Auch hat man leider den bockigen Älplern Sitz und Stimme gegeben, sie können also blockieren: Und tuns gerade, passenderweise bei der EU-einheitlichen Besteuerung von Zinserträgen ...) Aber was wird aus uns, den Marsianerinnen und Marsianern? Nicht bloß, das wir die Welt, für die Ösiland sich hält, nicht verstehen, wir verstehen dann auch die EU nicht mehr. Eher symbolische Maßnahmen, als eine rechtspopulistische Partei zur führenden Regierungskraft gemacht wird gut und schön. Diese Maßnahmen wieder zurücknehmen, obwohl sich in puncto Rassismus und Nazi-Nostalgie nichts geändert hat (jedenfalls nicht zum besseren) das verstehen wir nicht. Als Ösiland 1918/19 als kleine Republik gegründet wurde, war die Frage: Ist dieser Staat politisch lebensfähig. Heute, einen Weltkrieg, eine Nachkriegszeit und fast fünf Monate Blauschwarz kann die Erkenntnis nur heißen: Dieser Staat ist moralisch nicht lebensfähig. Darum kann die Forderung der wenigen vom Ösiwahn verschont gebliebenen nur lauten: Entmündigt uns! Nicht uns selbstverständlich, die Marsianer, sondern “uns”, die Ösis. Wenn die bisherigen “Sanktionen” schon nicht mehr haltbar sind, dann wenigstens neue. Was heißt da “Monitoring”? Wir fordern Kuratel! Nur so kann der Vernunft und dem Anstand genüge getan werden: Ösiland wird zum UN-Protektorat. Unter einer serbischen, rollstuhlfahrenden Lesbe als Hoher Kommissarin wird eine internationale Verwaltung errichtet, der die weiterhin im Amt bleibenden demokratisch legitimierten Dorfhäuptlinge zuarbeiten müssen. Die Ressorts werden an Fachleute vergeben, über Einwanderungsfragen z.B. entscheidet künftig jemand aus Rumänien oder Sri Lanka. Auf diese Weise erledigt sich das Rassismusproblem bald von selbst. Man kann eine diskursive Hegemonie auch dadurch beenden, daß man die hegemonialen Diskursanten marginalisiert. Auf deutsch: Bitte, liebe Menschen, drängt die Ösis ins Eck. Dann verstehe vielleicht auch ich als Marsianer die Welt wieder.